Leseprobe „Channah“

Leseprobe:

März 2023

Zwei Jahre verstrichen wie im Fluge. Gelegentlich bekam sie Post von ihren Eltern, darin auch etwas Geld. Sie brauchte jedoch nur wenig, da Dienstkleidung und Essen vom Krankenhaus gestellt wurden. Lediglich, wenn sie einen freien Tag hatte und das war nur selten der Fall, fuhr sie nach Warschau, um sich an warmen Tagen ein Eis zu gönnen. Es war jedoch immer weniger das Eis, für das sie sich interessierte, als die Neugier zu erfahren, was sich sonst in der Welt abspielte. Im Elternhaus wurde selten über Politik gesprochen, schon gar nicht über die Ereignisse jenseits des Eisernen Vorhangs. In der Schule gab es nur zwei Welten, die Gute innerhalb der Sowjetrepubliken und die Böse des imperialistischen Westens. Als sie einmal mit der Schule einen Ausflug nach Auschwitz machten – das ehemalige Vernichtungslager lag nicht weit von Tychy entfernt – traute sich keiner mehr die Einteilung in die gute und die böse Welt infrage zu stellen. Es war auch der Moment, an dem Anna verstand, warum sie in der Schule oder wenn die Nachbarn zu Besuch kamen, nicht deutsch reden sollte. Im KZ von Auschwitz war es ihr zum ersten Mal peinlich, deutschstämmig zu sein, auch wenn sie in Polen zur Welt gekommen war.
Während ihrer Zeit in Warschau war sie erleichtert, sich nicht als Deutschstämmige erklären zu müssen. Es brauchte eine Weile, bis sie den Mut fand, das Museum der polnischen Juden, das auf dem Gelände des ehemaligen Warschauer Ghettos errichtet worden war, zu besuchen.
Mehr und mehr ereilten sie jedoch Zweifel, ob die von der Schule vorgegebene Einteilung der Welt in Gut und Böse stimmen konnte. Zum ersten Mal hatte sie Kontakt zu Touristen aus der bösen Welt. Sie waren erstaunlich freundlich. Einmal fasste sie sogar den Mut, eine Familie aus Westdeutschland, die sich offenbar verlaufen hatten, auf Deutsch anzusprechen. Von da an versuchte sie mehr über das böse Ausland zu erfahren. Es gab einen Schwarzmarkt, der für Krankenpflegeschülerinnen verboten war. Aber genau dort fand sie, wonach sie suchte: Zeitschriften aus dem Westen. Als sie zum ersten Mal eine Zeitschrift mit dem seltsamen Namen Spiegel erstand, hatte sie es sehr eilig, in ihr kleines Zimmer zurückzukommen. An jeder Ecke fühlte sie sich verfolgt und atmete erst auf, als sie die Tür hinter sich verschloss. Was sie bereits auf den ersten Seiten las, passte nicht recht in das Bild, das man ihr über die Jahre hinweg vorgebetet hatte. Von da an kaufte sie sich jede Woche eine neue Ausgabe des Spiegels. Es war wie der Blick in eine andere Welt, nicht etwa eine böse, aber eine komplett andere, die mehr und mehr ihre Neugier weckte. Hin und wieder war auch die Rede von Aussiedlern, die aus Polen kamen, um sich im Westen ein neues Leben aufzubauen. Da die meisten aus der Gegend des früheren Schlesiens stammten, nannte man sie auch Schlesier, um sie von den Polen einerseits, aber auch von den Westdeutschen andererseits zu unterscheiden. Auf dem Arbeitsmarkt schien man sie, wie andere Fremdarbeiter auch, willkommen zu heißen. Einmal mehr wollte sie nach ihrer Rückkehr ihre Eltern davon überzeugen, es den anderen deutschstämmigen Aussiedlern gleichzutun und nach Westdeutschland auszuwandern.
Es war wieder ihr Geburtstag, der 25. März 1964, ihr zwanzigster Geburtstag, als sie im Zug saß, diesmal in gegenläufiger Richtung, von Warschau nach Tychy. Wie damals, obgleich der Frühling erst begonnen hatte, war es ein sonniger und bereits ungewöhnlich warmer Tag. Diesmal kam kein weißer Dampf aus dem Schornstein der Lokomotive. Statt sechs Stunden benötigte der neue elektrogetriebene Schnellzug auch nur vier Stunden bis Tychy.
Eigentlich sollte sie sich freuen, hatte sie doch vom ersten Tag ihres Abschieds an diesem Moment entgegengefiebert. Mit den guten Noten aus der Krankenpflegeschule wollte sie ihre Eltern überraschen. Dennoch schaute sie mit gemischten Gefühlen der vorbeiziehenden Landschaft hinterher. Je mehr sich der Zug dem Örtchen Tychy näherte, desto schwerer lastete etwas auf ihr, dass sie glaubte, seit knapp zwei Jahr hinter sich gelassen zu haben. Vermutlich war die Situation bei ihren Eltern, zu den verhassten Deutschen zu gehören, nicht besser geworden. Aber da war noch etwas, das mehr oder weniger mit ihren vorbelasteten Wurzeln in Verbindung stand. Ihre Mutter hatte im letzten Brief einige Andeutungen gemacht. Die Zeit reichte nicht mehr, ihr zurückzuschreiben, um die damit verbundene Katastrophe noch abzuwenden.
Als der Zug unter heftigem Quietschen im Bahnhof von Tychy zum Stehen gekommen war, sah sie ihn. Szymon Wojcyk hatte ihr bereits in der Schule nachgestellt. Er war gutaussehend, sportlich, etwa 185 groß und mit seinem schwarzen Lockenkopf der Schwarm aller Mädchen. Für Anna war er nichts weiter als ein dumpfes Großmaul. Während ihrer Zeit in Warschau hatte er ihr Briefe geschrieben, die sie allenfalls überflogen, nie jedoch beantwortet hatte. Jetzt stand er da mit einem Blumenstrauß in der Hand. Sie hätte lachen können, so dämlich sah er in ihren Augen aus. Sie tat es nicht, weil sie wusste, dass er mit festen Absichten dort stand und auf sie wartete. Sie stieg aus dem Zug und konnte ihm nicht ausweichen.
„Szymon, du hier?“ Sie machte ein freundliches Gesicht, um ihn nicht gleich zu verärgern.
„Ich habe dir doch geschrieben, dass ich dich vom Bahnhof abhole.“
„Tatsächlich?“ Vielleicht hätte sie doch besser seine Briefe beantworten sollen, um ihm ihre unmissverständliche Abneigung bereits vorher mitzuteilen, schoss es ihr heiß durch den Kopf. „Woher wusstest du, dass ich heute ankomme?“
„Deine Eltern haben es mir gesagt.“
Erschrocken schaute sie ihn an. „Du warst bei meinen Eltern?“
„Natürlich. Ich musste sie doch fragen.“
Anna zuckte zusammen. Sie ahnte, was dieser Tölpel ihre Eltern gefragt haben könnte. Sie versuchte es zu ignorieren.
„Ich muss mich beeilen. Meine Eltern warten auf mich.“ Sie wollte an ihm vorbei. Er stellte sich ihr in den Weg und hielt ihr den Strauß entgegen.
„Die sind für dich.“ Es waren leuchtend gelbe Narzissen. „Rosen waren leider nicht zu bekommen.“
„Danke“, sagte sie kurz angebunden, nahm die Blumen und wollte weiter.
„Ich möchte, dass du meine Frau wirst.“ Sein linkes Augenlid zuckte, als er es sagte.
Anna erstarrte. Obwohl sie es bereits ahnte, traf sie sein törichter Antrag, es klang mehr nach einem Befehl, wie ein Schlag vor den Bug. Schon früher hatte er vor seinen Klassenkammeraden damit angegeben, dass sie beide einmal heiraten werden.
„Szymon“, sie atmete schwer und suchte nach einem Ausweg. „du und ich …“ sie schüttelte
den Kopf.
„Genau“, unterbrach er sie. „Du und ich.“
„Wir passen nicht zusammen. Wir haben noch nie zusammengepasst.“ Sie wollte ihm die Blumen zurückgeben.
„Du weißt, dass das nicht stimmt und außerdem …“ Er presste die Kiefer zusammen. „wäre es das Beste für dich und deine Eltern.“
„Und ich werde wohl nicht gefragt?“ Da er die Blumen nicht zurücknahm, legte sie den Strauß auf eine Bank. „Außerdem, was soll das Gerede, was am besten für mich wäre und auch für meine Eltern.“
„Du weißt wovon ich rede.“ Er kniff die Augen zusammen.
„Du meinst wohl, wovon die anderen hier reden.“ Sie drehte sich zur Seite, sah die Menschen an, die an ihr vorbei strömten. Plötzlich fühlte sie sich verfolgt, verleumdet. Aber warum? Hatte sie nicht dasselbe Recht, wie alle anderen, hier zu wohnen. Es war ihre Heimat. Hier war sie geboren und aufgewachsen. Und dennoch kam ihr alles plötzlich so feindselig vor. In Warschau wusste niemand von der Herkunft ihrer Eltern. Es war auch der Grund, warum ihr Vater damals darauf bestand, dass sie nach Warschau gehen sollte.
„Sie werden kommen, das weißt du. Sie hassen die Deutschen“, sagte er kühl. Es klang wie eine Drohung. „Sie werden euer Haus anzünden.“
„Dann sollen sie doch kommen“, schleuderte sie ihm aufgebracht entgegen. „Lieber zünde ich unser Haus selber an, als es diesen ewig gestrigen Idioten zu überlassen.“ Sie biss sich auf die Lippe, weil sie wusste, dass sie Szymon nicht zu sehr provozieren durfte. Er war ein jähzorniger Typ, der um sich schlug, wenn er nicht das bekam, von dem er meinte, dass es ihm zustünde.
„Wenn du mich heiratest, wird dir und deinen Eltern nichts passieren. Dann bist du eine von uns“, sagte er und schaute sie drohend an.
Anna ließ sich nicht beirren. Sie wusste, sollte sie jetzt einknicken oder nur den geringsten Zweifel aufkommen lassen, dass Szymon nie aufhören würde, ihr nachzustellen.
„Herr Gott, kapier es doch endlich. Vielleicht will ich keine von euch Kleingeistern sein. In Warschau war ich frei, da hat mich niemand gefragt, woher meine Eltern kommen.“
„Dann geh doch zurück in dein geliebtes Warschau.“ Er meinte jedoch das Gegenteil, kam auf sie zu und packte sie mit beiden Händen an den Schultern.
„Lass mich los, du tust mir weh.“ Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu lösen.
„Ach ja? Und du tust mir weh, verstehst du das nicht?“
„Daran bist du selber schuld. Und jetzt lass mich los.“
„Wie du willst.“ Wutentbrannt stieß er sie von sich. Anna konnte sich gerade noch mit Hilfe ihres Koffers, an den sie sich klammerte, auffangen. Ohne ihn aus den Augen zu verlieren, raffte sie sich auf. Seine Augen waren gerötet, seine Fäuste geballt. Sie wusste, dass es nur ein kleiner Vorgeschmack von dem war, was ihr blühte, sollte sie auf seinen tumben Antrag eingehen. Als Frau Wojzyk müsste sie sich ihm immer unterordnen, erst recht als Deutschstämmige. Der Gedanke daran, dreht ihr den Magen um. Wie eine Katze sprang sie zur Seite und rannte los.
„Sie werden kommen. Und dann kann ich dir nicht mehr helfen. Dann kann dir niemand helfen“, rief er ihr hinterher.
Anna rannte so schnell sie konnte. Nur weg von diesem selbstverliebtem Einfallspinsel, dachte sie. Eilig ließ sie die Bahnhofshalle hinter sich und mischte sich unter die Menschenmenge der Altstadt. Die Luft wurde rasch knapper. Mit rasendem Herz blieb sie an einer Hauswand stehen und schaute sich um. Sie war froh, dass er ihr nicht folgte. Um keine Zeit zu verlieren, hastete sie weiter, hinein in die engen Gassen der Altstadt von Tychy. Erneut außer Atem blieb sie in einer Hofeinfahrt stehen und drückte sich an die Wand. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag. Als wäre nichts gewesen, ging sie ruhig weiter. Das Gewimmel der Menschen war wie eine schützende Hülle. Und dennoch sah sie ihn in den vielen Gesichtern, die sie umgaben. Seine Eitelkeit war verletzt. Sie ahnte, was das bedeuten könnte. Außerhalb des Dorfes – vielleicht würde er ihr dort auflauern – würde er es nicht bei Worten belassen. Sie entschloss sich, einen Umweg zu gehen. Am Ortsausgang bog sie auf einen Feldweg ab. Die Äcker waren jedoch noch kahl und boten keinen ausreichenden Sichtschutz. Trotzdem rannte sie weiter, den sanften Hügel empor. Sie musste den Waldrand erreichen. Ein Schmerz in der Flanke nahm ihr die Luft zum Atmen. Schweißperlen liefen ihr über die Stirn, tropften über Nase und Kinn. Die Bluse klebte auf ihrer Brust. Endlich hatte sie es geschafft. Unter den Zweigen einer mächtigen Eiche ließ sie sich erschöpft ins Gras fallen. Sie kannte den Ort gut. Es war schon immer ihr Lieblingsplatz gewesen, wenn sie allein sein wollte, wenn schwere Gedanken von ihr Besitz ergriffen hatten. Oft war sie dann am Stamm der Eiche hinaufgeklettert, Richtung Baumkrone, Richtung Himmel, bis der Boden unter ihr zwischen dem dichten Blätterwerk nicht mehr zu sehen war. Hier fühlte sie sich in einer anderen Welt, kam auf andere Gedanken und träumte von der Ferne, von fremden Menschen und Ländern. Es waren glückliche Momente, in denen das, was sie bedrückte, nicht mehr wichtig war.
Zum Klettern war ihr diesmal nicht zu Mute. Sie fühlte sich elend, zurückgeworfen in das verhasste Umfeld, aus dem sie gehofft hatte, mit dem Umzug nach Warschau entfliehen zu können. Zwei Jahre waren seither vergangen. Es war eine unbeschwerte Zeit, in der sie ihr Geheimnis, von Deutschen abzustammen, für sich behalten konnte. Einer Schuld war sie sich nicht bewusst, war sie doch gerade mal ein knappes Jahre vor dem Ende des Krieges zur Welt gekommen. Sie hatte gehofft, dass mit der Zeit Gras über die Grausamkeiten der Nazis wachsen würde. Hier im Dorf blieben ihre Eltern jedoch unerwünscht. Es war der Hass auf alles, was deutsch war, der ihnen das Zusammenleben immer schwerer machte. Zu verdenken war es den Dörflern nicht. Und das lag nicht nur an Auschwitz. Jeder hatte unter der Schreckensherrschaft der Nazis gelitten, hatte Angehörige und Freunde verloren. Auch wenn der Krieg fast zwanzig Jahre zurücklag, steckte die Erinnerung daran noch in ihren Gliedern. Hass war beständig, wurde von Generation zu Generation weitergetragen und spiegelte sich in den Gesichtern der Menschen wider. Deutschstämmig, das Wort klebte an ihr und ihren Eltern wie ein Fluch. Dabei hatte sich gerade ihre Familie nichts zu Schulden kommen lassen. Seit mehr als einer Generation lebten sie in dem bescheidenen Einsiedlerhof. Die tragische Geschichte ihrer Familie wurde im Hause Nowak nicht nur einmal erzählt. Ihre Großmutter, Gerda Müller, packte in der Zeit der Weimarer Republik und nachdem ihr Mann an den Folgen des ersten Weltkriegs gestorben war, ihre Sachen und machte sich mit ihrer Tochter Josefine auf den Weg nach Osten. Weit kamen sie nicht. In Tychy lernte Josefine Victor Nowak kennen, dessen Eltern ebenfalls das Glück im Osten gesucht hatten. Sie verliebten sich und blieben in dem Haus, das Victors Eltern einst aus den Trümmern des ersten Weltkrieges wieder aufgebaut hatten. Gerda gab ihrer Tochter später einen anderen, einen polnisch klingenden Vornamen, Jadwiga. Sie ahnte bereits, dass man ihrer Familie als Deutschstämmige spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg das Leben schwer machen würde. Gerda verschwand kurz vor Kriegsende unter mysteriösen Umständen. Ihre Leiche wurde nie gefunden. Auch Victors Eltern starben kurze Zeit später, so dass Victor Nowak mit seiner Frau Jadwiga und der kleinen Anna, die kurz vor Kriegsende das trübe Licht der Kriegswirren erblickte, allein zurückblieben. Was sich vor dem zweiten Weltkrieg einmal Schlesien nannte und einst zum südöstlichen Zipfel des Deutschen Reichs gehörte, wurde ihre Heimat. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man jedoch die Staatsgrenzen neu gezogen. Danach war das ehemalige Schlesien von der Landkarte verschwunden. Die Gegend zwischen Breslau und Krakau gehörte hinfort zu Polen. Die Menschen, die einst deutsch sprachen, sich als Deutsche fühlten, hatte man vertrieben und durch andere aus dem Osten, meist aus der Sowjetunion ersetzt. Es wurde Zeit, dachte Anna, dass ihre Eltern endlich aufwachten, um ebenso Richtung Westen aufzubrechen. So könnte sie auch diesen tumben Szymon Wojzyk hinter sich lassen.
Entschlossen richtete sie sich auf. Sie wusste, dass sie mit ihren Eltern reden musste und dass es kein Zurück gab. Über den Westen hatte sie bereits vieles in den Zeitschriften vom Schwarzmarkt erfahren. Ob alles stimmte, wusste sie nicht. Es war jedoch eine Welt, die einiges versprach, was es in Polen nicht gab, selbst wenn es nur die grenzenlose Reisefreiheit war. Falls ihre Eltern stur blieben, müsste sie auf eigene Faust das Land verlassen. Ihre Eltern würde sie dann vermutlich nie wieder sehen. Der Gedanke daran war mindestens so unerträglich, wie sich an der Seite von Szymon ihrem polnischen Schicksal ergeben zu müssen.
Ängstlich blickte sie sich nochmals um. Ein kühler Wind hatte eingesetzt und ließ das gerade keimende Grün auf den Feldern wie Wellen auf- und abwiegen. Erleichtert stellte sie fest, dass Szymon ihr nicht gefolgt war. Sie stand auf, nahm ihren kleinen Koffer und eilte in Richtung ihres Elternhauses. Als sie es im Tal erblickte, bliebt sie stehen und holte tief Luft. Noch nie schien ihr die Zukunft so ungewiss, wie in diesem Moment. Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu, gerade weil alles so schön war und eine Veränderung so erschreckend unausweichlich schien.
Bei den letzten Schritten bis zum Haus fühlten sich ihre Beine wie Blei an. Als sie die Tür öffnete, wehte ihr der Geruch eines frisch gebackenen Blechkuchens entgegen. Nusskuchen, dachte sie erleichtert. Es gab auch schöne Dinge, die sich nicht veränderten.
Die Küche war am Ende des Ganges. Als sie den vertrauten Raum betrat, kam ihr die Mutter mit ausgebreiteten Armen entgegen.
„Anna, mein Kind.“ Sie hatte sofort Tränen in den Augen, wie damals beim Abschied und umarmte sie zärtlich. Ihr Vater erhob sich von der Eckbank und kam auf die beiden zu. Anna erschrak, als sie ihn sah. Er wirkte deutlich gealtert und noch schwermütiger als früher. Da Annas Mutter ihre Tochter nicht so schnell aus ihrer Umarmung entlassen wollte, streichelte er seiner Tochter zärtlich über den Rücken.
„Ich habe dir deinen Lieblingskuchen gebacken.“ Annas Mutter lächelte und drehte sich zum Ofen. Als sie sich bückte, sah Anna, wie schwer es ihr fiel. Auch sie war deutlich älter geworden. Vielleicht waren es auch die Sorgen um eine ungewisse Zukunft, die auf ihren Schultern lasteten.
„Lass mich das machen“, kam ihr Anna zu Hilfe.
„Unsinn, setzt dich lieber zu deinem Vater und erzähl uns von Warschau.“
Ihr Vater saß wieder auf der Eckbank und machte ein betrübtes Gesicht. Anna setzte sich ihm gegenüber. Sie wollte seine Hände nehmen. Rasch zog er sie weg und legte sie unter dem Tisch auf seine Beine. Fragend schauten sie sich an. Eine gespannte Stille lag in der Luft.
„Na, Papa, freust du dich nicht, dass ich wieder da bin?“ Sie griff in die Innentasche ihrer Jacke, die sie immer noch anhatte. Mit stolzer Geste breitete sie das Papier auf dem Tisch aus. „Ich war die Beste im Jahrgang.“
Ein zaghaftes Lächeln glitt über Victors Gesicht. Zärtlich legte er seine rechte Hand auf ihren Arm. „Wir sind sehr stolz auf dich.“ Er wollte noch etwas sagen. Das Geschirr klapperte, als Annas Mutter drei Teller und Tassen auf den Tisch stellte.
„Stellt euch vor, ich habe im Dorf richtigen Kaffee bekommen“, sagte sie, um die Stimmung etwas aufzuhellen.
Anna blickte zu ihr auf und lächelt. „Ich habe es gleich gerochen, als ich zur Tür reinkam. Und dann der Kuchen. Ich kann es kaum abwarten, ihn zu probieren.“
Ihre Mutter stellte das Blech auf den Tisch. Dann nahm sie das Messer und schnitt die ersten Stücke ab. Ihre Hand zitterte leicht, als sie jeweils ein Stück auf die drei Teller verteilte. Dann goss sie den Kaffee ein und setzte sich auf den Stuhl, an die Seite ihres Mannes. Anna nahm ihr Stück Kuchen in die Hand und betrachtete es eine Weile, wie ein Geschenk, das sie sich nicht traute, sofort auszupacken. Dann biss sie eine große Ecke davon ab, legte den Rest zurück auf ihren Teller und schloss dabei die Augen.
„Es schmeckt köstlich“, sagte sie mit vollem Mund. Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit kamen zurück. „Wunderbar. Wie machst du das nur? Du musst mir unbedingt das Rezept geben“, sagte sie noch kauend.
„Wir haben auch ein kleines Geschenk für dich, zu deinem Geburtstag und natürlich für deine sehr guten Noten.“ Sie drehte sich um und nahm ein kleines Kästchen von der Kommode und legte es auf den Tisch.
„Für mich?“ Anna traute sich nicht, es zu berühren.
„Nun mach schon, pack es aus“, sagte ihre Mutter ungeduldig.
Mit zitternden Händen löste Anna das Band und das bunte Verpackungspapier. Darin verbarg sich eine weiße Schachtel. Sie traute sich nicht, es zu öffnen.
„Es ist etwas ganz Besonderes und soll dich ein Leben lang begleiten“, sagte ihre Mutter erwartungsvoll.
Als Anna behutsam den kleinen Deckel anhob, glänzte ihr ein goldenes Amulett entgegen. Sie nahm es heraus. Die daran befestigte Kette ließ sie zärtlich durch ihre Finger gleiten.
„An der Seite ist ein Knopf und dann springt der Deckel auf“, fügte Jadwiga erwartungsvoll hinzu.
Für einen Moment kam Anna der absurde Gedanke, dass sich dahinter ein Bild von Szymon verbergen könnte. Ihr Herz raste, als sich der Deckel öffnete und ihr ein völlig unerwartetes Antlitz entgegensprang. Es war das Portrait einer jungen Frau. Sie hatte glatte braune Haare, die ihr hübsches Gesicht umschmeichelten. Die zierliche Nase, die sinnlichen Lippen und die sanften, eher traurigen Blicke kamen ihr bekannt vor. Es war, als würde sie in ihr eigenes Spiegelbild schauen.
„Es ist deine Großmutter in jungen Jahren“, kam ihre Mutter zuvor. „Du kannst dich sicher nicht mehr an sie erinnern. Aber sie hat dich geliebt. Sehr sogar.“
„Meine Großmutter?“ Vage Erinnerungen kamen hoch, ihre Stimme, ihr Geruch. Die Erinnerung an ihr Antlitz war mit den Jahren verblasst. Jetzt war alles wieder da. Auch sie hatte ihre Großmutter geliebt, auch wenn sie es damals noch nicht in Worte hatte fassen können. Ihr Name, Gerda Müller, ein typisch deutscher Name, wie sie jetzt aus den Zeitschriften wusste, schwebte in den vergangenen Jahren immer mal wieder durch den Raum.
„Und, was sagst du?“
Anna wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Es war ein ungewöhnliches Geschenk und doch eines, das in ihr mehr auslöste, als ihr im ersten Moment bewusst war.
„Es ist wunderschön.“
Ihre Mutter nahm das Amulett aus Annas Händen, klappte den Deckel zu und legte ihr die Kette um den Hals. „Du musst es immer bei dir tragen, was immer auch geschieht.“ Es klang in Annas Ohren geradezu beschwörend. Annas Vater schaute auffallend ernst. Es machte fast den Anschein, als sei es ihm nicht recht gewesen, seiner Tochter das Amulett zu schenken, erst recht nicht mit dem Portrait seiner Schwiegermutter.
Victor räusperte sich und starrte dabei auf seinen Teller. „Er wird kommen“, sagte er mit gedrückter Stimme. Es war, als hätte er auf den richtigen Moment gewartet, es loszuwerden.
Anna zuckte zusammen. Sie dachte sofort an Szymon.
„Wer wird kommen?“ Sie fasste ihn am Arm. „Du meinst doch nicht etwa diesen Szymon Wojzyk?“
Er versuchte sich krampfhaft ein Lächeln abzuringen. „Szymon Wojzyk ist ein anständiger Junge. Einer der wenigen im Dorf.“
„Ich dachte, er wäre bereits hier gewesen?“
Victor drehte sich zu ihr um, zog die Augenbrauen hoch.
Anna schüttelte den Kopf. „Er stand am Bahnhof mit Blumen in der Hand. Woher wusste er, wann ich ankomme?“
„Wir haben es ihm gesagt“, platzte Jadwiga dazwischen, als habe sie ein schlechtes Gewissen.
„Was wollte er denn hier bei euch?“ Anna wusste es bereits. Sie wollte es nochmals von ihren Eltern hören.
„Ja, was wollte er?“ Ihre Mutter brach ab, drehte sich zur Seite. „Also, das war so …“
„Er bat uns um die Hand unserer Tochter“, fuhr Victor abrupt dazwischen. „Hat er dir nichts davon gesagt?“
„Doch schon. Er hatte sogar Blumen dabei.“ Anna schüttelte den Kopf. „Aber das kommt überhaupt nicht in Frage. Niemals würde ich …“
„Anna“, unterbrach Victor ihre weitere Ausführung. „Wir müssen vernünftig sein. Du weißt, wie die Stimmung im Dorf ist. Szymon ist der Einzige, der dir helfen kann.“
„Ja, ich weiß, was die Leute sagen. Aber deswegen diesen Szymon heiraten?“ Sie schüttelte erneut und heftiger als zuvor den Kopf. „Kommt nicht infrage.“
„Ich finde es mutig von ihm, sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen. Er liebt dich“, ergänzte ihre Mutter. Ihre Mimik verriet etwas anderes.
„Mag schon sein. Aber ich empfinde nichts für ihn.“
„Anna, sei doch vernünftig. Wie soll es denn sonst weitergehen?“, setzte ihre Mutter nach.
„Und wenn er mich heiratet, was soll dann aus euch werden? Sie würden das Haus anzünden, wenn wir nicht gehen, hat er gesagt.“ Sie schaute ihren Vater in die Augen. „Papa, es gibt nur eine Möglichkeit. Wir müssen weg von hier, so wie die anderen auch. Auch wenn ihr euch nichts habt zu Schulden kommen lassen. Der Hass sitzt tief. Und es wird immer schlimmer werden.“
„Das ist nicht so einfach.“ Er wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln. Der Gedanke, seine geliebte Tochter diesem Szymon zu übergeben, schien plötzlich weit weg.
„Ja, ich weiß“, kam ihm Anna zuvor. „Das Haus, der Garten, die Erinnerungen an die Familie, an Großmutter.“ Sie griff nach ihrem Medaillon. „Sie wäre schon längst weg.“
„Wir haben einen Ausreiseantrag gestellt“, platzte ihre Mutter erneut dazwischen und blickte betroffen zur Seite.
„Anna, bitte“, kam ihr Victor zuvor. „Wir hatten doch vereinbart … wie soll ich sagen …“
„Sie hat ein Recht, es zu wissen“, unterbrach sie ihn. „Sie hat ein Recht darauf, alles zu wissen. Früher oder später wird sie ohnehin alles erfahren.“
Anna blickte ihre Mutter verwirrt an. „Was soll ich erfahren? Ihr habt mir etwas verschwiegen?“
Victor nickte, blickte starr vor sich hin. „Es war nur zu deinem Besten. Wir lieben dich, das weißt du. Wir werden dich immer lieben. Das darfst du nie vergessen.“
Anna griff nach der Hand ihres Vaters. „Bitte, Papa, was ist los?“
Victor seufzte. „Es ist nur …“ Er schüttelte den Kopf. „Der Ausreiseantrag wurde abgelehnt. Von höherer Stelle, wie es hieß.“
Anna lächelte. „War das nicht zu erwarten gewesen. Die Grenzen werden dichter.“
„Das ist nicht alles, was du wissen solltest.“ Er seufzte tief. „Er wird kommen, ich weiß es. Er wird dich mitnehmen.“
„Was redest du da? Dieser Szymon kann mich nicht einfach mitnehmen. Nur weil er befürchtet, wir könnten auswandern. Wahrscheinlich weiß er von dem Ausreiseantrag. Seit eh und je stellt er mir nach und jetzt …“
„Nicht dieser Szymon“, unterbrach er ihren Redefluss. „Es gibt so vieles, was du wissen müsstest, von dem ich immer hoffte, dass du es niemals erfährst. Es ist schon so lange her und deine Mutter und ich haben immer gehofft, dass irgendwann Gras drüber wachsen würde. Aber alles kommt zurück … irgendwann zerstört es dein Leben, so wie es viele andere zerstört hat.“ Er löste seinen Arm aus Annas griff, bedeckte sein Gesicht und fing bitterlich an zu weinen.
„Papa, was ist mit dir. Wir können einen neuen Antrag stellen. Oder wir gehen einfach, lassen einfach alles zurück.“
„Nein, Anna, es gibt Dinge, die kann man nicht zurücklassen“, fuhr er mit zerbrechlicher Stimme fort. „Es sind die Erinnerungen, die immer wieder hochkommen. Man kann ihnen nicht entkommen. Es war grauenvoll.“ Er ließ seine Hand sinken und blickte seine Tochter aus geröteten Augen an. „Hör mich an. Was auch immer passiert, du musst gehen. Du musst alles zurücklassen. Fang ein neues Leben an. Ja, warum nicht mit diesem Szymon. Er ist ein anständiger Junge. Er kann dich beschützen.“
„Beschützen, vor wem kann er mich beschützen? Was redest du da?“
Das Brummen eines Autos und das knirschende Geräusch der Reifen auf dem Kies vor dem Haus ließ sie aufschrecken. Annas Mutter sprang auf, rannte zum Fenster und schob die Gardine ein wenig zur Seite. „Oh mein Gott, er ist es.“
Anna wollte zu ihr. Victor hielt sie zurück.
„Anna, mein Kind. Hör mir gut zu. Er darf dich nicht finden, niemals. Hörst du? Ja, geh zu Szymon, fang ein neues Leben an. Ich bitte dich.“
„Wer ist er das da draußen? Es sind nicht die Leute aus dem Dorf. Nicht wahr?“ Anna flehte ihn an, mehr zu sagen, die ganze Wahrheit, die im Raum stand und nie zur Sprache gekommen war. Victor schüttelte nur den Kopf.
„Er kommt zur Tür, es ist zu spät.“ Annas Mutter hielt sich die Hand vor ihren Mund und taumelte zurück.
Anna sprang auf. „Ich muss wissen, wer das ist.“
Victor griff erneut nach ihrem Arm. „Herr Gott, Anna, ich flehe dich an. Geh, bevor es zu spät ist.“ Er wusste, dass es längst zu spät war. Die Türglocke läutete. Es klang wie eine Totenglocke. Ihr Vater schaute sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Geh hoch in dein Zimmer. Versteck dich, du weißt wo“, beschwor er sie.
„Ja, aber …“
„Kein Aber. Beeil dich. Er darf dich nicht finden. Niemals.“
Anna rannte die Treppen hoch zu ihrem Zimmer. Kaum, dass sie oben war, hörte sie schwere Schritte im Flur. Sie blieb an der angelehnten Tür ihres Zimmers stehen und lauschte. Der Schatten einer groß gewachsenen Gestalt huschte durch den Flur Richtung Küche. Ihre Mutter, die mit dem Öffnen der Tür gewartet hatte, bis Anna verschwunden war, stolperte ihm hinterher.
„Victor, mein Freund, lange nicht gesehen.“ Der Fremde sprach akzentfrei Deutsch. Seine Worte hallten durch das Treppenhaus.
„Ja, es liegt lange zurück.“ Victor, der sonst nie einen Zweifel daran ließ, wer das Sagen im Hause Nowak hatte, antwortete mit zitternder Stimme. „Ich wusste, dass du kommen würdest. Was kann ich für dich tun?“
„Möchten Sie eine Tasse Kaffee, richtigen Kaffee, vielleicht auch ein Stück Kuchen?“, hörte sie ihre Mutter sagen.
Anna fiel auf, dass der Fremde von ihrem Vater mit Du und von ihrer Mutter mit Sie angesprochen wurde. Stühle wurden gerückt. Er war also in erster Linie wegen ihres Vaters gekommen, folgerte sie rasch. Sie konnte sich auch täuschen.
„Richtigen Kaffee“ Der Fremde lachte. „Stimmt, hier im Osten gibt’s ja nur diesen Muckefuck. Dieser tolle Sozialismus, der für alle sorgt, unfassbar. Aber ich bin nicht zum Kaffeekränzchen gekommen.“ Es klang herablassend. Offenbar kam er aus dem Westen, wo es keinen Mangel an richtigem Kaffee gab. „Aber ich will nicht unhöflich sein. Nach der langen Fahrt kann man schon etwas Hunger bekommen. Bin an den Grenzen aufgehalten worden. Diese Idioten. Es wird immer schlimmer.“
„Du sagst es. Auch für uns wird das Leben hier immer unerträglicher“, stimmte Victor zu.
Nach einer Pause – das Schmatzen und Schlürfen des Fremden drang bis zu Annas Ohren – redete der Fremde leise weiter. „Hast du deshalb den Ausreiseantrag gestellt?“
Victor räusperte sich. „Nun ja, wir wollten es mal probieren. Wurde aber abgelehnt.“
„Verstehe. Du weißt, dass du in der BRD genauso unerwünscht bist, wie hier. Vielleicht sogar noch mehr. Sie haben dich im Visier.“
„Es muss ja keiner wissen“, entgegnete Victor.
„Nein, aber sie wollen es wissen. Woher weiß ich, dass ihr euch nicht verplappert? Dann sind wir alle dran.“
Anna zuckte zusammen, als ein lauter Schlag, vermutlich mit der flachen Hand auf den Tisch, die Gläser im Schrank klirren ließ.
„Essen sie doch erstmal ihren Kuchen. Dann reden wir über alles“, hörte sie die leise Stimme ihrer Mutter.
„Reden, reden, reden, genau das will ich nicht. Es gibt nichts zu reden, habt ihr das immer noch nicht verstanden. Die Luft wird dünner, auch jetzt noch, fast zwanzig Jahre später.“
„Aber hier können wir auch nicht bleiben. Auch wegen Anna“, entgegnete Victor bestimmt.
„Ja, die kleine Anna. Sie müsste bereits ein großes hübsches Mädchen sein. Du hast recht, Victor, hier würde sie versauern. Wo ist sie überhaupt?“
„Sie ist nicht da“, sagte Victor gleich, ohne ein Zweifel aufkommen zu lassen.
„Und warum stehen dann drei Teller und Tassen auf dem Tisch?“
„Wir wussten, dass sie kommen würden“, klang Jadwigas zerbrechliche Stimme nach oben.
„Ach Gott, wie aufmerksam. Und Anna, wo ist sie denn, wenn nicht hier?“
„In Warschau, sie macht dort eine Lehre als Krankenschwester“, erwiderte Victor mit zittriger Stimme.
„So, so als Krankenschwester. Hätte bestimmt Besseres verdient. Wollte sie nicht Medizin studieren?“
„Durfte sie nicht, aus politischen Gründen. Aber das weißt du bestimmt.“ Victors Stimme klang wieder etwas fester.
„Was weiß sie?“, fragte der Fremde nach einer Weile. Sein Name war bislang nicht gefallen. Es schien so, als dürfte er nicht ausgesprochen werden. Sie atmete kaum, um jede Kleinigkeit des Gesprächs, jetzt, da es auch sie betraf, zu verstehen.
„Sie weiß nichts“, hörte sie ihren Vater sagen.
„Zumindest weiß sie von ihren deutschen Wurzeln und, dass andere Aussiedler längst das Weite gesucht haben.“
„Das lässt sich nun mal nicht verheimlichen und ist ja auch der Grund, warum auch hier die Luft, wie du schon sagtest, immer dünner wird. Aber mehr weiß sie nicht.“
„So, so, Anna weiß von nichts? Wie kann ich da sicher sein?“, hakte der Fremde nach.
„Das musst du mir halt glauben. Warum sollten wir sie auch mit dem belasten, was sich vor ihrer Zeit zugetragen hat? Wenn wir einmal tot sind, soll sie uns so in Erinnerung behalten, wie es bisher war. Sie hatte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Das soll auch so bleiben.“
Sie schwiegen einen Moment. Dann seufzte der Fremde. „Also gut Victor, ihr wollt weg von hier, dann könnt ihr auch weg. Ich habe Freunde in Görlitz, da seid ihr sicher. Es gäbe da auch eine Wohnung für euch.“
„In der DDR?“ Stühle quietschten über den Kachelboden der Küche. Offenbar war ihr Vater aufgesprungen, vielleicht auch der Fremde. „Du weißt, dass es uns sehr schwerfallen würde, Haus und Hof zurückzulassen. Und das alles gegen eine triste Plattenbauwohnung eintauschen? Niemals.“
„Hör mir zu, Victor.“ Erneut quietschten Stühle. Harte Ledersohlen hallten über den Boden. „Es geht nicht darum, wie ihr in Zukunft lebt, sondern, ob ihr überhaupt noch lebt. Ich habe dir verdammt nochmal bisher den Rücken freigehalten. Und jetzt willst du mir Forderungen stellen?“
„Auch wir haben die Klappe gehalten. Wenn es uns an den Kragen geht, sind wir beide dran.“
„Hört, hört, der kleine Victor will mir drohen. Du weißt gar nicht, wen du inzwischen vor dir hast. Glaubst du wirklich, dass man in der BRD einem dahergelaufenen Aussiedler Gehör schenken würde? Ich genieße inzwischen hohes Ansehen. Dagegen bist du ein Nichts.“
„Wir beide sitzen im selben Boot. Wenn es untergeht, werden wir beide ersaufen“, entgegnete Victor.
„Du elender Wurm.“ Die Stimme des Fremden wurde lauter. „Glaubst du wirklich, dass ich es zulasse, dass du mein Leben zerstörst?“ Der Fremde klang aufgebracht. Die Spannung im Raum war bis in den ersten Stock spürbar. „Du hast ja keine Ahnung, worum es geht.“
„Die Vergangenheit lässt sich nun mal nicht auslöschen. Irgendwann holt sie uns alle ein.“
Der Fremde lachte höhnisch. „Das werden wir ja sehen.“
„Nein, bitte nicht.“ Der entsetzliche Schrei von Jadwiga ließ Anna erschaudern. Sie sprang auf, wollte die Treppen hinunter, um ihren Eltern zu Hilfe zu eilen. Weit kam sie nicht, als ein ohrenbetäubender Knall die Luft zerriss. Diesmal war es nicht der einer flachen Hand auf dem Tisch. Anna erstarrte, als sie ein zweiter Schuss zurücktaumeln ließ. Etwas fiel zu Boden, wie ein nasser Sack. Dann trat eine unerträgliche Stille ein.
„Verdammt“, hörte sie die Stimme des Fremden. Es war nur noch seine Stimme zu vernehmen. „Diese elenden Narren. Selber schuld.“